Interview mit Dr. Arndt Schottelius

Entwicklungsvorstand, MorphoSys AG

Durch die Bestellung eines vierten Vorstandsmitglieds stärkt MorphoSys die firmeneigene Entwicklung therapeutischer Antikörper. Dr. Arndt Schottelius, neuer Entwicklungsvorstand der Gesellschaft, leitete vor seiner Bestellung zum MorphoSys-Vorstand vier Jahre lang die frühe immunologische Medikamentenentwicklung des führenden US-Biotechnologiekonzerns Genentech und klinische Phase-3-Studien mit Anti-CD20-Antiköpern zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis.

Herr Dr. Schottelius, nach insgesamt neun Jahren Forschung und Entwicklung in den USA – was waren da Ihre Beweggründe, Entwicklungsvorstand bei MorphoSys zu werden?

Zunächst einmal hat mich die Aufgabe gereizt, hier bei MorphoSys etwas Neues aufzubauen, was das Unternehmen in seiner Entwicklung deutlich voranbringen kann. MorphoSys war mir aus meiner Zeit bei Schering bereits ein Begriff und aus den USA habe ich die Entwicklung der Firma und die der deutschen Biotechnologie- und Pharmalandschaft stets mit einem Auge weiterverfolgt. Mich hat es überzeugt, als Teil des hervorragenden und internationalen Management-Teams, das ich hier vorfand, den Schritt von einem Unternehmen mit einer führenden Antikörpertechnologie hin zu einem Unternehmen mit einer starken Antikörper-Pipeline zu vollziehen.

Sie waren in Ihrer bisherigen Karriere sowohl bei Pharmakonzernen als auch in der Biotechnologie tätig. Wo sehen Sie Unterschiede?

Es ist häufig so, dass in Pharmakonzernen – zum Teil aufgrund der Größe, zum Teil aufgrund der gewachsenen Tradition – eine andere Kultur vorherrscht als in der Biotechnologie. Nicht selten sind die Entscheidungswege zu langwierig und zu eingleisig von oben nach unten. Das Verständnis und die gesammelten Erfahrungen der Wissenschaftler werden dadurch meines Erachtens nicht optimal genutzt. Das ist in einem Biotechnologiekonzern anders, in dem immer noch das tiefe Verständnis der Wissenschaft als Triebfeder für Projekte im Vordergrund steht. Außerdem ermöglichen dort größere Freiräume für die Wissenschaftler und die enge Kooperation aller Funktionen ein hohes Maß an Innovation. Die Pharmakonzerne gehen ja inzwischen immer mehr dazu über, sich dieses hohe Maß an Innovation durch die Übernahme von Biotech-Unternehmen und die Schaffung von biotechähnlichen Strukturen zu sichern.

Was spricht dafür, dass MorphoSys eine erfolgreiche eigene Medikamentenentwicklung aufbauen kann?

Bemerkenswert finde ich die feste Überzeugung aller Beteiligten, diesen Schritt zu gehen und eine aktivere Rolle in der HuCAL-basierten Medikamentenentwicklung einzunehmen. Ich glaube auch, dass die Erfahrung, die die MorphoSys-Wissenschaftler innerhalb der zahlreichen Partnerprogramme bereits gesammelt haben, nicht zu unterschätzen ist: Welche Zielmoleküle können gut mit Antikörpern adressiert werden, welches sind die besten Antikörper aus der Bibliothek und was ist aus den Projekten bei den Partnern geworden? All das sind organisch gewachsene Erfahrungen, die ungemein wertvoll sein können, und es sind Erfahrungen, die die wenigsten Unternehmen beim Start ihrer eigenen Pipeline vorweisen können – ebenso wenig wie eine bereits etablierte Pipeline an Partnerprogrammen, die die eigenen Aktivitäten finanziert.

Worin sehen Sie die größte Stärke der HuCAL-Technologie?

Allein die Tatsache, dass MorphoSys eine eigene, durch Partnerschaften validierte Technologie besitzt, die als Quelle für Wirkstoffe funktioniert, ist schon eine vielversprechende Konstellation. Wissenschaftler anderer Medikamentenentwickler müssen sich häufig mindestens zwei Fragen stellen: Vertraue ich meinem Ansatz, dem Zielmolekül und meinem Verständnis der Bedeutung für die Krankheitsentstehung, und vertraue ich der Technologie, die den Wirkstoff hervorgebracht hat. MorphoSys hat eine Variable dieser Gleichung bereits abgesichert. Es wird mittlerweile allgemein akzeptiert, dass jedes krankheitsrelevante Zielmolekül als ein Molekül mit mehreren Ansatzstellen für eine Therapie betrachtet werden muss. Das richtige Zielmolekül an der richtigen Stelle anzugreifen, darin besteht die Kunst – und so entstehen Möglichkeiten für neue innovative Therapieansätze. Hierzu braucht man eine Technologie, die eine hohe Diversität an Antikörperkandidaten mit therapeutischen Fähigkeiten liefert. Mit der Fertigstellung von HuCAL PLATINUM hat MorphoSys hierfür erneut ein führendes System im Antikörperbereich etabliert.

Wo sehen Sie die firmeneigenen Projekte von MorphoSys am Ende des Jahres 2009?

Wir werden MOR103 in die Phase II der klinischen Entwicklung bei rheumatoider Arthritis bringen. Das ist vielleicht das wichtigste Ziel für dieses Jahr. Das Zielmolekül GM-CSF hat Potenzial in anderen Indikationen innerhalb der entzündlichen Erkrankungen. Dieses Potenzial gilt es sorgfältig zu evaluieren und einen weiteren Krankheitsbereich in 2009 zu identifizieren. Zusätzlich zu MOR103 als Leitprogramm wollen wir unsere Pipeline möglichst rasch mit mehr Substanz füllen, um langfristig einen nachhaltigen Nachschub an Kandidaten zu etablieren. Um dies zu erreichen, stehen uns unterschiedliche Quellen für neue Zielmoleküle und Programme offen – die Partnerschaft mit Galapagos zum Beispiel und unsere Optionen innerhalb der Novartis-Allianz, aber auch weiterhin komplett eigenständig entwickelte Projekte. Hier gilt es, die attraktivsten Möglichkeiten für MorphoSys zu identifizieren und zu verfolgen.

Welche strukturellen Fortschritte streben Sie im Jahr 2009 an?

Es gibt sicherlich einige Funktionen, wie beispielsweise die vorklinische und klinische Entwicklung, die wir bei MorphoSys weiter ausbauen werden. Unser Ziel ist es, unsere vorhandenen Mitarbeiter in neuen Bereichen weiterzubilden, aber auch Expertise von außen hereinzuholen. Ein großer Teil der für 2009 vorgesehenen Neueinstellungen ist für den Ausbau des Teams für die firmeneigene Medikamentenentwicklung vorgesehen. Nachdem wir gerade mit Dr. Ulrich Moebius einen hervorragenden Leiter der präklinischen Entwicklung zu MorphoSys holen konnten, werden wir in diesem Jahr auch einen ebenso qualifizierten Leiter für die klinische Entwicklung einstellen.

Welches sind die größten Hürden, die bei der erfolgreichen Entwicklung eines Medikaments überwunden werden müssen?

Entscheidend für den Gesamterfolg ist für mich die enge Verzahnung der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen während des gesamten Prozesses der Medikamentenentwicklung. Beim weiteren Aufbau der internen Entwicklungsabteilung von MorphoSys wird diese Zusammenarbeit von Forschung und Entwicklung auf Augenhöhe von sehr großer Bedeutung sein. Das klingt selbstverständlich, ist es aber insbesondere in großen Unternehmen oftmals nicht. Ich selbst habe in meiner ersten Position bei Genentech eine damals neu geschaffene Rolle ausgefüllt, die diesen Brückenschlag zwischen Forschung und Entwicklung zur zentralen Aufgabe hatte.

Sie haben zuletzt große Phase-3-Studien der Antikörpermedikamente Rituximab und Ocrelizumab geleitet. Beide Präparate richten sich gegen entzündliche Erkrankungen. Wo sehen Sie MorphoSys’ Leitprojekt MOR103 in diesem Markt positioniert?

Der Markt für rheumatoide Arthritis ist bekanntlich hart umkämpft. Mit einem me-too-Ansatz würde ich es keinem Unternehmen empfehlen, hier jetzt noch aktiv zu werden. Der Bedarf an Medikamenten mit einem neuen Wirkprinzip ist hingegen unverändert hoch. Nach meiner Einschätzung hat MorphoSys mit MOR103 einen sehr viel versprechenden Ansatz gefunden, bei der Behandlung der rheumatoiden Arthritis und potenziell anderer entzündlicher Erkrankungen lindernd einzugreifen. Es ist ein innovativer Ansatz, der wissenschaftlich betrachtet einfach Sinn macht und der durch präklinische wie klinische Befunde bereits gut validiert ist. Zudem glauben wir, dass das Zielmolekül GM-CSF zu Unrecht ein wenig übersehen wurde; die direkte Konkurrenz in diesem Bereich ist also vergleichsweise gering. Durch unsere Zusammenarbeit mit der Universität Melbourne und den Aufbau von internem Knowhow im Bereich der entzündlichen Erkrankungen haben wir ein tiefes Verständnis für die Biologie dieses Zielmoleküls aufgebaut.

Wie beurteilen Sie die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente?

Auf Branchenebene betrachtet wird das sicherlich einen Einfluss haben. Eine große Zahl von Biotechnologieunternehmen wird ihre Forschungsaktivitäten zurückfahren müssen, um nicht in Finanznöte zu geraten. Es gibt aber auch Ausnahmen – und MorphoSys ist eine davon. Wir sind sehr solide finanziert und können unsere eigene Pipeline ausbauen sowie nach interessanten Projekten Ausschau halten, während viele andere Firmen dazu angehalten sind, Forschungsprojekte auf Eis zu legen. Das ist eine enorm starke Position, insbesondere im Wettbewerb um die interessantesten Zielmoleküle und Programme.

Wird sich das Verhältnis zwischen Pharmaindustrie und Biotechnologie in Zukunft deutlich ändern? Wer sitzt Ihrer Meinung nach am längeren Hebel?

Das grundlegende Problem der Pharmaindustrie ist nach wie vor, dass sie dringend nach neuen innovativen Produkten suchen muss, um ihre Pipeline zu stärken. Der Konkurrenzdruck unter den Pharmakonzernen wird angesichts der Finanzkrise vermutlich eher stärker als geringer. Mit einem viel versprechenden Programm, das wissenschaftlich wie kommerziell überzeugt, ist ein Biotech-Unternehmen deshalb meiner Meinung nach weiterhin in einer hervorragenden Verhandlungsposition. Es gibt einige jüngste Beispiele, Verträge zwischen Biotechnologie- und Pharmaunternehmen für den Zugang zu Phase-2-Programmen etwa, die dies belegen. Für MOR103 arbeiten wir weiter daran, das Gesamtpaket aus wissenschaftlichen Daten und kommerziellen Aspekten wie die Patentposition weiter zu stärken. Hier haben wir bereits 2008 klare Fortschritte erzielt.