Forschung und Entwicklung

MorphoSys ist Spezialist für innovative Technologien und Produkte im Bereich der Medikamentenentwicklung und sein nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg beruht deshalb maßgeblich auf erfolgreicher Forschungs- und Entwicklungsarbeit. MorphoSys’ Technologieplattformen werden kontinuierlich verbessert und durch weitere Module ergänzt. Zusätzlich forscht MorphoSys vorwiegend in den Bereichen Krebs und entzündliche Erkrankungen an firmeneigenen Medikamentenkandidaten, deren Eigenschaften in sehr aufwendigen, zum Teil mehrjährigen klinischen Studien untersucht werden müssen.

Als forschungsintensives Unternehmen ist MorphoSys bestrebt, durch optimierte Prozesse im Laborbetrieb Ressourcen zu schonen und so ein nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen. Ausführliche Informationen hierzu finden Sie im Nachhaltigkeitsbericht

MorphoSys investiert kontinuierlich in die Verbesserung der Laborausstattung, um seine Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu erhalten. Die größten Investitionen im Jahr 2012 können der nachfolgenden Tabelle entnommen werden:

TAB. 6 /// INVESTITIONEN IN SACHANLAGEN 2012 (AUSWAHL DER GRÖSSTEN INVESTITIONEN)

(In T€)   2012  
Protein-Analysesystem I (Laborausstattung) 215
Analyse-Software 167
Elektronisches Dokumentenmanagementsystem (Labor-Software) 151
Protein-Analysesystem II (Laborausstattung) 140
Durchflusszytometer (Laborausstattung) 115
Gradientenpumpe (Laborausstattung) 55

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG MIT PARTNERN

In diesem Geschäftsbereich identifiziert und charakterisiert MorphoSys für seine Partnerunternehmen hochwertige Medikamentenkandidaten basierend auf seinen Technologieplatt­formen. Die Pipeline mit Medikamentenkandidaten, die zusammen mit Partnern entwickelt werden, machte im Jahr 2012 große Fortschritte und umfasste zum Jahresende insgesamt 70 therapeutische Antikörperprogramme. Davon befinden sich 16 in der klinischen Entwicklung, 20 in der präklinischen Entwicklung und 34 in der Forschungsphase (Veränderungen zum Vorjahr sind der Tabelle 4 zu entnehmen). Zwei ursprünglich mit Novartis gemeinsam entwickelte Programme werden nach der Vertragserweiterung mit Novartis im November 2012 zukünftig als Partnerprogramme gezählt. Im Geschäftsjahr 2012 kamen 10 Programme hinzu, während acht Programme eingestellt wurden. Die Gesamtzahl der Partnerprogramme erhöhte sich folglich um zwei Entwicklungsprojekte. Der Fortschritt der Projekte lag im Jahr 2012 insgesamt im Rahmen von MorphoSys’ Erwartungen.

Vertraglich festgelegte Forschungsfortschritte, wie der Start klinischer Studien mit einem Medikament, lösen Erfolgszahlungen an MorphoSys aus. Im März 2012 bestätigte Novartis den bevorstehenden Start einer klinischen Studie der Phase 1 mit ­einem HuCAL-basierten Antikörper  gegen Krebs, was eine entsprechende Meilensteinzahlung auslöste.

Im Mai folgte eine klinische Meilensteinzahlung vom Pharmakonzern Roche, der eine laufende klinische Studie für das ­Alzheimer-Präparat Gantenerumab in eine potenziell zulassungsrelevante Studie der Phase 2/3 ausweitete. Die Studie dient der Evaluierung der Wirkung von Gantenerumab auf die kognitiven Fähigkeiten sowie der sicherheitsrelevanten und pharmakokinetischen Eigenschaften des Wirkstoffs bei Alzheimer-Patienten im prodromalen bzw. Frühstadium. In diesem Krankheitsstadium leiden Patienten lediglich unter leichten kognitiven Störungen, ohne dass bei ihnen schon Alzheimer ­diagnostiziert wurde. Über einen diagnostischen Test kann festgestellt werden, ob diese Patienten an Alzheimer erkranken werden.

Diese beiden klinischen Meilensteinzahlungen in 2012 wurden durch weitere vorklinische Meilensteine im Rahmen der Partnerprogramme ergänzt.

Nicht unmittelbar umsatzrelevante Projektfortschritte in 2012, die Projekte aber näher in Richtung Marktreife brachten, erfolgten unter anderem im Rahmen der Partnerschaften mit Novartis, OncoMed und Janssen Biotech. Novartis hat im Verlauf des ersten Quartals 2012 den HuCAL-Antikörper LFG316 im Krankheitsbereich Augenheilkunde in die klinische Studie der Phase 2 gebracht. OncoMed begann für das Präparat OMP-59R5 im Oktober 2012 eine Phase-1b/2-Studie in den USA zur Erstbehandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs. Bei OMP-59R5 handelt es sich um das am weitesten fortgeschrittene HuCAL-Antikörperprogramm, das einen validierten Signalweg im Bereich der Krebsstammzellen adressiert.

MorphoSys’ Partner Janssen Biotech hat mit einer neuen klinischen Phase-2-Studie für den HuCAL-Antikörper CNTO1959 begonnen. Ziel der neuen Studie ist die Evaluierung der Sicherheit und Wirksamkeit von CNTO1959 im direkten Vergleich zu einem anderen Antikörper, Ustekinumab (Handelsname: Stelara), hinsichtlich der Reduzierung der Symptome bei Patienten, die trotz einer Begleittherapie mit Methotrexat an aktiver RA leiden. Damit wird CNTO1959 nun für die beiden deutlich unterschiedlichen Indikationen Psoriasis  und RA entwickelt. Dem trägt MorphoSys entsprechend Rechnung, indem es CNTO1959 als zwei getrennte Phase-2-Programme zählt.

Bei der Entwicklung von Medikamenten sind Ausfälle von Entwicklungsprogrammen unvermeidlich, beispielsweise weil die erzielten Forschungsergebnisse eine Fortführung des Projekts nicht länger rechtfertigen oder weil sich Partner aus strategischen Gründen zur Einstellung von Projekten entschließen. In 2012 hat der Pharmakonzern Janssen Biotech entschieden, dass die Entwicklung des Antikörperprogramms CNTO888 in den Krankheitsbereichen Krebs und idiopathischer Lungenfibrose nicht fortgeführt wird.

FIRMENEIGENE F&E-AKTIVITÄTEN – PRODUKTENTWICKLUNG

In diesem Geschäftsbereich erforscht und entwickelt MorphoSys Antikörperwirkstoffe als firmeneigene Produkte – von der frühen Forschungsphase bis zu einer erfolgreichen Auslizenzierung an einen Pharmapartner. Der erhöhte Forschungsaufwand in diesem Bereich zahlt sich für das Unternehmen finanziell in Form von deutlich höheren Meilensteinzahlungen und Umsatzbeteiligungen nach Marktzulassung aus.

Insgesamt verfolgt MorphoSys derzeit vier firmeneigene klinische Programme, die auf drei Wirkstoffen basieren:

  • MOR103 – ein vollständig menschlicher, monoklonaler ­HuCAL-Antikörper im Bereich rheumatoide Arthritis (RA) und multiple Sklerose (MS),
  • MOR202 – ein vollständig menschlicher, monoklonaler ­HuCAL-Antikörper im Bereich des multiplen Myeloms (MM),
  • MOR208 – ein humanisierter, FC-optimierter, monoklonaler Antikörper im Bereich der Lymphome und Leukämien.

Im September 2012 gab MorphoSys Daten der klinischen Phase-1b/2a-Studie zur Untersuchung seines firmeneigenen HuCAL-Antikörpers MOR103 in Patienten mit RA bekannt. Die Ergebnisse verdeutlichen das Potenzial des Wirkstoffs, ein wichtiges neues Medikament in einem Bereich mit großem therapeutischen Bedarf zu werden.

Während der randomisierten, doppelt verblindeten, Placebo-kontrollierten Studie der Phase 1b/2a in 96 Patienten mit leicht bis mittelschwer ausgeprägter rheumatoider Arthritis wurde MOR103 in vier wöchentlichen Dosen von 0,3 mg/kg, 1,0 mg/kg bzw. 1,5 mg/kg verabreicht. Die Studie ist konzipiert worden, um insbesondere den Zeitpunkt der einsetzenden therapeutischen Wirkung zu untersuchen und wurde in 26 klinischen Studienzentren in Deutschland, den Niederlanden, Polen, Bulgarien und der Ukraine durchgeführt. Die Mehrzahl der Studienteilnehmer wurde parallel mit krankheitsmodifizierenden Antirheumatika (DMARDs) behandelt. Primärer Endpunkt der Studie war die Evaluierung der Sicherheit und Verträglichkeit von MOR103 bei mehrfacher Dosierung in Patienten mit aktiver RA. Als weitere Zielvorgaben wurden die pharmakokinetischen Eigenschaften und die Immunogenität des Wirkstoffs untersucht sowie sein Potenzial, die klinischen Anzeichen und Symptome bei RA-Patienten zu verbessern. Die Therapieerfolge wurden anhand der Bewertungskriterien DAS28, ACR20/50/70 und EULAR-Kriterien gemessen. Außerdem wurde die Entwicklung der Gelenkhautentzündung (Synovitis) und des Knochenödems mittels Magnetresonanztomografie (MRT) erfasst und Patientenaussagen wurden miteinbezogen.

MOR103 erwies sich in allen verabreichten Dosierungen als ­sicher und gut verträglich. Im Zusammenhang mit dem Wirkstoff traten keine schwerwiegenden, unerwünschten Neben­wirkungen auf und es konnte hinsichtlich der Nebenwirkungen kein Unterschied zwischen der MOR103- und der Placebogruppe festgestellt werden.

Die besten Ergebnisse mit einem ACR20-Wert von 68 % wurden nach vier Wochen Behandlung in der Patientengruppe mit der Dosierung 1,0 mg/kg erzielt und lagen damit signifikant über dem Kontrollarm der Studie. Der ACR20-Wert ist einer der höchsten, der je bei einem biologischen Wirkstoff gegen RA nach vier Wochen Behandlungsdauer festgestellt wurde. Von ­besonderer Bedeutung war die schnell einsetzende Wirkung: Innerhalb von zwei Wochen erreichten bis zu 40 % der behandelten Patienten einen ACR20-Wert. Die DAS28-Werte zeigten über den gesamten ­Behandlungszeitraum gesehen eine rasche und signifikante Verbesserung. MRT-Aufnahmen zeigten in der vierten Woche einen Rückgang der Synovitis. Die detaillierten Studienergebnisse wurden im November auf der Jahrestagung des American College for Rheumatology (ACR), der wichtigsten Fachtagung im Bereich Rheumatologie, präsentiert.

Eine zusätzlich in 2012 durchgeführte Phase-1-Studie zur subkutanen Verabreichung von MOR103 zeigte ebenfalls positive Ergebnisse. Der Wirkstofferwies sich bei dieser komfortableren Art der Verabreichung als sicher und gut verträglich und weist zudem ein vorteilhaftes sowie wettbewerbsfähiges pharmakokinetisches Profil auf.

Diese klinischen Daten wurden durch die Veröffentlichung von zwei Forschungsberichten ergänzt, die das breite therapeutische Potenzial des MOR103-Programms unterstreichen. Die Berichte stammen aus einer Kooperation mit einer Forschungs­abteilung der Universität von Melbourne und weisen nach, dass GM-CSF, das zugrundeliegende Zielmolekül  des MOR103-Programms, ein wichtiger Botenstoff für entzündliche, arthritische und osteoarthritische Schmerzen ist.

Die laufende klinische Phase-1/2a-Studie in Patienten mit ­rezidiviertem/refraktärem MM im Rahmen des MOR202-Programms wurde in 2012 fortgeführt. Die präklinischen Daten des Programms wurde in 2012 ebenfalls weiter gestärkt. Nachdem die antikörperabhängige zellvermittelte Zytotoxizität ( ADCC  ) bereits in früheren Studien als Wirkmechanismus von MOR202 identifiziert worden war, konnte die Fähigkeit des Wirkstoffs belegt werden, auch mittels antikörperabhängiger zellulärer Phagozytose ( ADCP  ) eine Abtötung der MM-Zellen von Patienten herbeizuführen. Entsprechende Daten wurden auf der Jahreskonferenz 2012 der American Society of Hematology (ASH) im Dezember präsentiert.

MOR208, ein Fc-optimierter Anti-CD19-Antikörper, hat eine klinische Phase-1/2a-Studie erfolgreich abgeschlossen. MOR208 zeigte ermutigende erste Anzeichen der Antitumorwirksamkeit und ein akzeptables Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil in intensiv vorbehandelten Hochrisikopatienten mit chronischer lymphatischer Leukämie ( CLL  ) oder kleinem lymphatischen Lymphom (SLL). Die Daten unterstützen die Weiterentwicklung des Wirkstoffs. Das Programm wird nun von MorphoSys in die klinische Entwicklung der Phase 2 im Non-Hodgkin-Lymphom ( NHL  ) sowie in der akuten lymphoblastischen Leukämie ( ALL  ) gebracht.

In präklinischen Studien wurde ferner die Möglichkeit untersucht, MOR208 mit anderen zugelassenen therapeutischen Medikamenten zu kombinieren. In diesen Untersuchungen zeigte sich, dass die Kombination mit den niedermolekularen Wirkstoffen Bendamustine (Ribomustin®) und Fludarabine (Fludara®) sowie die Anti-CD20-Antikörper Rituximab (Rituxan®) und Ofatumumab (Arzerra®) die Zytotoxizität von MOR208 steigern können. Die In-Vitro- und In-Vivo*-Aktivitäten von MOR208 wurden in einem aggressiven Lymphom-Modell von allen verabreichten Medikamenten unabhängig von ihren unterschiedlichen Wirkungsweisen verstärkt.

Alle in 2012 generierten Forschungsergebnisse untermauern das Potenzial der firmeneigenen Wirkstoffe in den jeweiligen Krankheitsbereichen.

FIRMENEIGENE F&E-AKTIVITÄTEN – TECHNOLOGIE­ENTWICKLUNG

Durch die firmeneigenen F&E-Aktivitäten im Bereich der Technologieentwicklung sollen die Wettbewerbsfähigkeit der Gesellschaft in ihrem Kerngeschäft gesichert sowie neue Geschäftsmöglichkeiten erschlossen werden. Ein dezidiertes Forscherteam arbeitet kontinuierlich an der Weiterentwicklung der Antikörpertechnologien und der Evaluierung neuer Technologieplattformen.

Die im Dezember 2011 auf einer Fachkonferenz vorgestellte Betaversion der Ylanthia-Antikörperbibliothek wurde 2012 fertig­gestellt und zur kommerziellen Anwendung gebracht. Ziel der Ylanthia-Entwicklung ist es, Antikörper mit verbesserten ­Eigenschaften noch schneller entwickeln zu können. Ylanthia, die Antikörperplattform der nächsten Generation, soll der ­HuCAL-Technologie, die bisher die Grundlage der therapeutischen Antikörperforschung bei MorphoSys bildete, nachfolgen. 2012 integrierte MorphoSys die Technologie in seine Forschungsabläufe und begann erste Wirkstoffprogramme basierend auf Ylanthia. Zusätzlich stellte die Erweiterung der strategischen Kooperation mit Novartis um die Technologieplattform Ylanthia  die Weichen, auch die im Auftrag von Partnern betriebene Medikamentenentwicklung im Hinblick auf die neueste Plattform zu aktualisieren.

Zusätzlich zu seinen Bemühungen im Antikörpersektor hat MorphoSys in 2012 eine Initiative gestartet, um Zugang zu Technologien anderer Firmen zu erhalten, die zu seinen Kernkompetenzen passen. Im November 2012 gab MorphoSys eine Kooperation mit dem privat geführten Biopharmazieunternehmen Lanthio Pharma bekannt, einem niederländischen Unternehmen, das auf die Erforschung und Entwicklung von Lantipeptiden spezialisiert ist. Bei Lantipeptiden handelt es sich um eine neuartige Klasse von Therapeutika. Die Technologie LanthioPep von Lanthio Pharma dient der Identifizierung von Peptiden für spezifische Zielmoleküle und stabilisiert sie in der für die Wirkung optimalen Konformation. Im Rahmen der ­Kooperation haben MorphoSys und Lanthio Pharma begonnen, ihre Technologien gemeinsam einzusetzen, um hochqualitative und -diversifizierte Lantipeptid-Bibliotheken zu erstellen. MorphoSys erhält Vorzugsrechte auf die exklusive Einlizenzierung der LanthioPep-Technologie zur Wirkstoffforschung.

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG IM SEGMENT ABD SEROTEC

Die Forschungsaktivitäten der MorphoSys-Geschäftseinheit AbD Serotec im Geschäftsjahr 2012 waren darauf ausgerichtet, Zugang zu neuen Produkten im Bereich der Diagnostik sowie in ausgewählten Forschungsdisziplinen, wie beispielsweise Veterinärforschung, angeborene Immunität, Neurowissenschaft und Stammzellforschung zu erlangen. Dies führte unter anderem zu einer Erweiterung des Produktkataloges im Bereich der Forschungsreagenzien  , insbesondere zur Einführung einer komplett neuen Produktkategorie zur Analyse von existierenden Antikörpermedikamenten. Mehrere von AbD Serotec entwickelte Antikörper wurden in 2012 von Partnerunternehmen in die kommerzielle Anwendung überführt.

Der Ende 2012 beschlossene Verkauf des überwiegenden Teils des Segments AbD Serotec hat geringe Auswirkungen auf den Forschungsapparat des MorphoSys-Konzerns, da die Forschungsaktivitäten der unterschiedlichen Geschäftsfelder bereits vor dem Verkauf der Sparte unabhängig voneinander aufgestellt waren.