Krebs in den Ballungszentren des Immunsystems

Der Antikörper MOR208 soll Fehler
der Blutbildung korrigieren.

Unser Blut sowie das verästelte System an Blut- und Lymphgefäßen erfüllen eine Reihe an lebenswichtigen Aufgaben. Dazu gehört die Sauerstoffversorgung, aber ebenso die Verteilung der für die Immunabwehr entscheidenden Blutzelltypen, den weißen Blutkörperchen, im gesamten Organismus.

Fehlgeleitete Blutbildung kann zu Krebs führen.

Blutzellen werden kontinuierlich aus dem Knochenmark neu gebildet und reifen über mehrere Zwischenschritte aus Vorläuferzellen heran. Da es zu verschiedenen Zeitpunkten in ihrer Entwicklung zu einer Entartung und damit zur Entstehung von Krebszellen kommen kann, entsteht für Medikamentenentwickler eine große Herausforderung in Form einer sehr diversen Gruppe an Krebserkrankungen.

MorphoSys verfolgt im Bereich Krebs mehrere Projekte zur Therapie von sogenannten hämatologischen Krebserkrankungen – Krebsformen, die aus einer fehlgeleiteten Blutbildung hervorgehen. Leukämien und Lymphome, die beiden großen Untergruppen der hämatologischen Erkrankungen, sind dabei wie die Kehrseiten derselben Medaille. Bei MOR208 handelt es sich um einen humanisierten, gegen das ZielmolekülZielmolekül: Angriffspunkt für therapeutische Intervention, etwa auf der Oberfläche von kranken Zellen (auch: Target) CD19CD19: therapeutisches Zielmolekül für die Behandlung von B-Zellen-Lymphomen und -Leukämien gerichteten, monoklonalen Antikörper, der zur Behandlung solcher Erkrankungen entwickelt wird.

Leukämie, im Volksmund auch als Blutkrebs bezeichnet, heißt übersetzt so viel wie „weißes Blut“. Namensgebend ist die Tatsache, dass im Blutstrom der Patienten übermäßig viele weiße Blutkörperchen vorkommen, die aber nicht funktionsfähig sind.

Lymphome, gemeinhin als Lymphdrüsenkrebs bekannt, sind Krebserkrankungen des lymphatischen Systems. Würde man die Blutbahnen und Lymphgefäße wie Autobahnen betrachten, auf denen sich die Immunzellen durch den Körper fortbewegen, wären Lymphknoten die Ballungszentren, die Megacitys des Immunsystems. Tausende weiße Blutkörperchen liegen hier auf engstem Raum vor und kommunizieren miteinander.

Erste Anzeichen eines Lymphoms sind bei vielen Patienten meist schmerzlose Schwellungen der Lymphknoten, zum Beispiel am Hals oder in der Achselhöhle. Lymphome können jedoch im gesamten Körper auftreten.

Das diffuse großzellige B-Zell-Lymphom, abgekürzt DLBCLDLBCL: diffuses großzelliges B-Zell Lymphom, eine Unterform des NHL, ist eine der Erkrankungen, gegen die MorphoSys derzeit den Wirkstoff MOR208 entwickelt. DLBCL ist das am weitesten verbreitete Lymphom und macht rund 25 Prozent aller Non-Hodgkin-Lymphome in den Industrieländern aus. Die Krankheit betrifft vornehmlich ältere Personen, kann in Einzelfällen aber auch bei Kindern und Jugendlichen auftreten. Unbehandelt führt die Erkrankung rasch zum Tode.

Auch bei der chronischen lymphatischen Leukämie (CLLCLL: chronisch lymphatische Leukämie; am häufigsten vorkommende Leukämieform, greift die B-Zellen an) treten die bösartig veränderten Zellen zuerst in den Lymphknoten auf, vermehren sich dort und verursachen so eine Vergrößerung der Lymphknoten. Im Verlauf der Erkrankung wandern die veränderten Zellen ins Knochenmark, in die Leber, die Milz und das Blut aus.

Im vergangenen Geschäftsjahr konnten MorphoSys und seine Entwicklungs-partner vielversprechende Daten zu dem Wirkstoffkandidaten MOR208 aus klinischen Studien gegen DLBCL und CLL bekannt geben.

Eine an 89 Patienten mit vier verschiedenen Subtypen des rezidivierten oder refraktären Non-Hodgkin-Lymphoms, darunter das diffuse großzellige B-Zell-Lymphom, durchgeführte Studie zeigte eine ermutigende Wirksamkeit von MOR208 als Monotherapie. So kam es unter anderem zu vier sogenannten kompletten Remissionen und weiteren Fällen partiellen Ansprechens.

Alle Studienteilnehmer erhielten insgesamt acht wöchentliche Dosierungen von MOR208. Diejenigen mit zumindest stabilisiertem Krankheitsverlauf wurden weitere vier Wochen mit MOR208 behandelt. Nach Ablauf dieser zwölf wöchentlichen Dosierungen bekamen die Patienten, die auf den Wirkstoff ansprachen, MOR208 bis zum Fortschreiten der Erkrankung.

  1. Lymphknoten
  2. Klinische Studie
  1. Lymphknoten agieren als Filterstationen im Körper, die aus den Blutgefäßen ins Gewebe abgegebene Flüssigkeit in den Blutkreislauf zurücktransportieren. Sie sind normalerweise circa 5–10 mm groß, in der Leiste und am Hals können sie auch bis zu 20 mm groß werden.
  2. Die schematisierte Computertomografieaufnahme eines Studienteilnehmers mit partiellem Ansprechen zeigt exemplarisch, was eine Behandlung mit MOR208 bewirken konnte. Ein deutlich geschwollener Lymphknoten im Oberkörper des Patienten schrumpft im Laufe der Behandlung.

Interview

Dr. Steffen Heeger Head of Clinical Research über MOR208

Herr Heeger, wie sind die bisherigen Ergebnisse mit MOR208 zu bewerten?
Die Daten, die wir bislang gewinnen konnten, stützen das Programm MOR208 ganz wesentlich. Durch unseren Ansatz, in klinischen Studien gezielt nach Signalen in verschiedenen Lymphom-Subtypen zu suchen, konnten wir insbesondere das diffuse großzellige B-Zell-Lymphom und das follikuläre Lymphom als aussichtsreiche Entwicklungsmöglichkeiten des Wirkstoffs identifizieren. Aber es ist immer noch sehr früh in der Entwicklung und die Daten müssen sich in Folgestudien erst bestätigen.
Wie geht es mit dem Wirkstoff weiter?
Wir planen, dieses Jahr die laufenden Studien fortzuführen und abzuschließen. Weiterhin werden wir neue Studien beginnen, die MOR208 in Kombination mit anderen Wirkstoffen erproben. Bislang wurde der Antikörper ohne zusätzliche Wirkstoffe eingesetzt und zeigte ermutigende Aktivität als Monotherapie und ein solides Sicherheitsprofil. Neue Therapiestrategien bestehen jedoch häufig aus einer Kombination eines neuen Präparates mit einer bereits etablierten Therapieform.
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