Der Wirkstoff Bimagrumab
soll den Muskelaufbau
von Patienten fördern.

Kühe, die aussehen, als ob sie täglich im Fitness-Studio trainieren, ein muskelbepackter Vierjähriger, der problemlos kiloschwere Gewichte stemmt: Was auf den ersten Blick einem Superheldenszenario entsprungen zu sein scheint, ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer extrem seltenen Genmutation. Diesen verblüffenden Effekt wollen Wissenschaftler von Novartis nutzen und eine Behandlungsmethode für Patienten entwickeln, deren Muskelwachstum durch Krankheiten geschwächt ist. Der therapeutische Antikörper Bimagrumab stammt aus der HuCALHuCAL: Human Combinatorial Antibody Library; von MorphoSys entwickelte Antikörperbibliothek zur raschen Erzeugung von spezifischen und mensch­lichen Antikörpern für alle Anwendungen-Bibliothek von MorphoSys.

Weißblaue Belgier lieferten die wissenschaftliche Grundlage zu einem spannenden Therapieansatz.

Bereits vor zehn Jahren berichtete ein Kinderneurologe der Berliner Charité im „New England Journal of Medicine“ über einen kleinen Patienten, der mit bereits außergewöhnlich gut ausgebildeter Bein- und Armmuskulatur auf die Welt kam. Bei seiner Geburt hatte das Baby doppelt so viel Muskelmasse und weit weniger Körperfett als andere Neugeborene. Der Grund hierfür: Durch eine genetische Abweichung wurde im Körper des Jungen die Produktion des Proteins Myostatin blockiert. Diese Substanz sorgt normalerweise dafür, dass die Muskeln nicht unkontrolliert wachsen.

Denn das Wachstum von Muskeln wird durch ein Gleichgewicht verschiedener Signale reguliert. Neben Signalen, die zum Aufbau von Muskelmasse führen, existieren auch solche, die das Muskelwachstum begrenzen. Hierzu zählt Myostatin, das in den Muskeln gebildet wird und über das Blut im Körper zirkuliert. Der Fall des kleinen Jungen zeigte, dass eine Inaktivierung der natürlichen Proteinfunktion von Myostatin auch bei Menschen auftreten kann. Aus dem Tierreich ist diese genetische Besonderheit schon länger bekannt:

Die Rinderrasse Weißblaue Belgier beispielsweise setzt ebenfalls aufgrund eines verstümmelten Myostatin-Proteins weit weniger Fett an und produziert bis zu 20 Prozent mehr Muskelmasse als andere Rinder, weswegen die Tiere seit Jahren gezielt als Fleischlieferanten gezüchtet werden.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Fällen dieser genetisch bedingten Myostatinblockade lassen sich nutzen, um Patienten mit krankheitsbedingtem Muskelschwund und pathologischer Muskelschwäche zu helfen. Mit dem Antikörper Bimagrumab entwickelt Novartis einen Wirkstoff, der das Wachstum der geschwächten Skelettmuskeln gezielt fördern soll. Die Wirkweise des Antikörpers, der aus der HuCAL-Bibliothek von MorphoSys gewonnen wurde, basiert auf dem Prinzip der beschriebenen Genmutation: Bimagrumab stimuliert das Muskelwachstum, indem es die wachstumshemmende Wirkung natürlicher Botenstoffe, darunter Myostatin, unterbindet.

  1. Wirkweise
  2. Krankheitsbereiche
  3. Einschlusskörpermyositis
  1. Der Antikörper Bimagrumab bindet spezifisch an den sogenannten Activin-Rezeptor vom Typ II (ActRIIB). Die Bindung natürlicher wachstumshemmender Botenstoffe wie Myostatin wird gestoppt und so werden Muskeldifferenzierung und -aufbau im Körper angeregt.
  2. Überblick über alle Krankheitsbereiche, für die Bimagrumab geprüft wird. Novartis hat bekannt gegeben, dass ein erster Antrag zur Marktzulassung in der Indikation Einschlusskörpermyositis im Jahr 2016 anvisiert wird.
  3. Sporadische Einschlusskörpermyositis tritt relativ selten auf, ist bei Menschen über 50 jedoch die häufigste degenerative Muskelerkrankung. Die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung steigt ab diesem Alter sprunghaft an und betrifft in der Altersgruppe der über 50-Jährigen etwa 50 von einer Million Personen.

Die wissenschaftliche Untersuchung des muskelfördernden Antikörpers zeigt vielversprechende Resultate: Sowohl Tiermodelle als auch klinische Studien belegen eine Steigerung der Muskelmasse durch Bimagrumab, auch die allgemeine Beweglichkeit der beeinträchtigten Muskeln nahm rasch zu.

Im August 2013 erhielt Novartis für Bimagrumab in der Indikation sporadische Einschlusskörpermyositis den sogenannten Breakthrough-Therapy-Status der US-Arzneimittelzulassungsbehörde FDAFDA: Food and Drug Administration; amerikanische Zulassungs- und Kontroll­be­hör­de für Arznei- und Lebensmittel. Der Status ermöglicht ein beschleunigtes Zulassungsverfahren und wird Wirkstoffen zugesprochen, die vorläufige klinische Beweise dafür liefern konnten, dass sie eine wesentliche Verbesserung gegenüber derzeit verfügbaren Therapien versprechen. Sollte Bimagrumab, das sich in dieser Indikation bereits in klinischen Studien der Phase 3 befindet, weiterhin gute Ergebnisse liefern, plant Novartis, für Jahr 2016 die Marktzulassung zu beantragen.

Darüber hinaus wird Bimagrumab derzeit in mehreren Phase-2-Studien für Patienten mit Kräfteverfall (Kachexie) bei Krebs oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) untersucht, bei altersbedingtem Abbau der Skelettmuskulatur (Sarkopenie) und bei operationsbedingtem Muskelschwund.

Der Antikörper Bimagrumab ist ein erstaunliches Beispiel dafür, wie ungewöhnlich die Entstehungsgeschichte eines medizinischen Wirkstoffs mit großem therapeutischem Potenzial oft ist.

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