Große Schritte wagen

MorphoSys entwickelt sich weiter. Wir sprachen mit dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Jean-Paul Kress über die Chancen und Herausforderungen für das Unternehmen.

Große Schritte wagen

MorphoSys entwickelt sich weiter. Wir sprachen mit dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Jean-Paul Kress über die Chancen und Herausforderungen für das Unternehmen.

Herr Kress, Sie sind jetzt seit einem halben Jahr bei MorphoSys. Welchen Eindruck haben Sie von dem Unternehmen gewonnen?

J.P.K - MorphoSys ist eines der erfolgreichen europäischen Biotechnologieunternehmen, das den kritischen Punkt bei dem Wandel zu einem voll integrierten biopharmazeutischen Unternehmen klar hinter sich gelassen hat. Das Unternehmen ist tief in der Wissenschaft verwurzelt und genießt einen hervorragenden Ruf für seine Technologieplattform zur Herstellung und Entwicklung von Antikörpern. MorphoSys hat eine überzeugende Erfolgsbilanz mit erfolgreichen Partnerschaften und eine Unternehmenskultur, die Veränderung als Chance begreift. In jüngster Zeit hat MorphoSys zudem innovative Entwicklungskompetenzen erworben und Vertriebsstrukturen aufgebaut. In Kombination mit dem sehr vielversprechenden Wirkstoff Tafasitamab, der kurz vor dem Eintritt in den US-Markt steht (die FDA-Zulassung steht noch aus), stellt dies eine sehr spannende Herausforderung für mich als Vorstandsvorsitzenden von MorphoSys dar.

Bevor Sie zu MorphoSys kamen, haben Sie in zahlreichen Ländern gelebt und gearbeitet. Was gefällt Ihnen an der Art und Weise, wie in Deutschland Geschäfte gemacht werden?

J.P.K - In den vergangenen Jahren habe ich meine Zeit zwischen Europa und den USA aufgeteilt und werde dies auch weiterhin tun. Die Unternehmenskultur von MorphoSys ist in erster Linie die eines globalen Biotech-Unternehmens – mit Sitz in Deutschland. Ich schätze Agilität gepaart mit Präzision, Innovation gepaart mit Belastbarkeit, Voraussicht gepaart mit Zuverlässigkeit. Deutschland und die angrenzenden europäischen Länder bieten einen großen Pool von qualifizierten Wissenschaftlern und Fachkräften mit umfangreichen Erfahrungen und herausragenden Fähigkeiten. In unserer Belegschaft werden diese Talente mit qualifizierten Mitarbeitern aus der ganzen Welt ergänzt und so eine herausragende Vielfalt geschaffen. So entsteht ein multikulturelles und inspirierendes Umfeld mitten im Herzen Bayerns – und jetzt auch in den USA.

MorphoSys hat nicht nur einen neuen Vorstandsvorsitzenden, auch das Unternehmen selbst ist im Wandel begriffen. Können Sie uns ein wenig über die Entwicklung berichten, die MorphoSys derzeit durchläuft?

J.P.K - MorphoSys macht dem Ursprung seines Namens alle Ehre. Metamorphose. Wir sind sehr erfolgreich dabei, uns von einem führenden Technologieanbieter zu einem voll integrierten biopharmazeutischen Unternehmen zu entwickeln, das jede Stufe der Wertschöpfungskette beherrschen will. Um in der Vermarktung erfolgreich zu sein, haben wir die Organisation um zahlreiche Funktionen erweitert, darunter das Global Commercial Supply Chain Management, Medical Affairs, Market Access, Pricing, Marketing und Vertrieb. Wir bauen unsere zugrundeliegenden Strukturen und Leistungen aus, um diese neuen Einheiten zu unterstützen, alles mit dem Ziel, den Bedürfnissen der Patienten noch besser gerecht zu werden.

Erfolgt dieser Wandel schrittweise?

J.P.K - Wir unternehmen große und mutige Schritte. Wir haben eine fundierte und bewusste Entscheidung für unsere Vorgehensweise getroffen: entschlossen und schnell. Wir haben gerade den Zulassungsantrag für Tafasitamab, unserem am weitesten fortgeschrittenen Produktkandidaten, in Kombination mit Lenalidomid in R/R DLBCL in den USA eingereicht. Der Zulassungsantragwurde von der FDA mit Gewährung einer vorrangigen Prüfung angenommen. Die Entscheidung über eine mögliche Zulassung soll gemäß dem sogenannten Prescription Drug User Fee Act (PDUFA) voraussichtlich am 30. August 2020 erfolgen. Zudem haben wir unsere US-Tochtergesellschaft in Boston gegründet und, in Vorbereitung auf den erwarteten Markteintritt von Tafasitamab, die notwendigen Strukturen für die Vermarktung geschaffen – die Zulassung durch die FDA natürlich immer vorausgesetzt. Wir haben zudem einen Partner ausgewählt, um das volle Potenzial von Tafasitamab noch schneller auszuschöpfen. Wir sehen in unserem am weitesten fortgeschrittenen Programm eine „Pipeline in a Product“, das heißt, Tafasitamab könnte als Therapieoption in verschiedenen Indikationen der Hämato-Onkologie und möglicherweise sogar darüber hinaus zur Anwendung kommen.

Dr. Jean-Paul Kress

hat einen Doktortitel der Faculté Necker-Enfants Malades in Paris sowie einen Abschluss und einen Postgraduiertenabschluss in Pharmakologie und Immunologie der École Normale Supérieure in Paris. Bevor er zu MorphoSys kam, war Dr. Kress als Vorstandsvorsitzender bei Syntimmune (jetzt Alexion) tätig, einem Biotechnologieunternehmen, das in der klinischen Phase differenzierte Arzneimittelkandidaten für Autoimmunerkrankungen entwickelt. Zuvor hatte er Führungspositionen bei Biogen, Sanofi-Genzyme, Sanofi-Pasteur MSD, Gilead, Abbvie und Eli Lilly inne.

Warum setzen Sie nicht einfach das fort, was MorphoSys seit über zwei Jahrzehnten so erfolgreich macht? Was sind die Vorteile des neuen Geschäftsmodells?

J.P.K - Unser Geschäftsmodell als Technologieanbieter hat uns dorthin gebracht, wo wir heute stehen. Wir haben viel gelernt in Bezug auf Indikationen und Antikörper-Entwicklung und dabei wurden unsere F&E-Ausgaben teilweise von unseren Partnern finanziert. Aber der Wert, den man erwirtschaften kann, ohne ein voll integriertes biopharmazeutisches Unternehmen zu sein, ist begrenzt. Wenn wir die gesamte Wertschöpfungskette von der Forschung über die klinische Entwicklung bis hin zur Vermarktung abdecken, bieten sich uns wesentlich größere Möglichkeiten. Wir waren zwar mit dem früheren Geschäftsmodell sehr erfolgreich, aber wir können noch viel mehr erreichen. Und deshalb haben wir uns entschlossen, den nächsten Schritt zu tun.

An der Spitze dieser Transformation steht dabei, wie Sie erwähnten, Ihr am weitesten fortgeschrittener Produktkandidat Tafasitamab.

J.P.K - Tafasitamab ist ein Fc-wirkverstärkter Anti-CD19-Antikörper. CD19 ist ein Antigen, das auf der Oberfläche von B-Zellen sehr breit exprimiert wird. Eine weitere Besonderheit von Tafasitamab ist, dass man davon ausgeht, dass der Wirkstoff zwei wichtige Anti-Tumor-Signalwege aktiviert: die antikörpervermittelte Zelltötung und die antikörpervermittelte Phagozytose.

Wer wird von diesem Medikament profitieren?

J.P.K - Wir hoffen, dass wir Patienten in einer Reihe von Blutkrebserkrankungen helfen können, bei denen ein hoher ungedeckter medizinischer Bedarf besteht. Die erste Gruppe mit einem besonders hohen medizinischen Bedarf sind Patienten, die an rezidiviertem oder refraktärem DLBCL leiden, der häufigsten und einer sehr aggressiven Form des Non-HodgkinLymphoms. Für Patienten, die nicht auf die Erstlinien-Behandlung ansprachen oder einen Rückfall gezeigt haben, sind die Überlebensaussichten sehr gering. Die Ergebnisse unserer L-MIND-Studie, einer Kombination aus Tafasitamab mit Lenalidomid, in dieser Indikation sind vielversprechend.

„Wir unternehmen große und mutige Schritte. Wir haben eine fundierte und bewusste Entscheidung für unsere Vorgehensweise getroffen: entschlossen und schnell.“
War die Suche nach einem Partner für Tafasitamab die größte Herausforderung für MorphoSys im Jahr 2019?

J.P.K - Das war in der Tat eines unserer Hauptziele. Und es erwies sich als eine große Chance. Eine meiner ersten Maßnahmen nach meinem Eintritt bei MorphoSys war es, die Partnerschaftsstrategie mit dem Managementteam neu und ohne vorgefassteMeinungen zu überdenken. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir eine globale Partnerschaft mit einer gemeinsamen Vermarktung und Teilung der Gewinne (50/50) in den USA und eine Auslizenzierung der Rechte außerhalb der USA anstreben sollten. Am Ende konnten wir hervorragende Bedingungen – sowohl finanziell als auch nicht-finanziell – aushandeln, wodurch wir zukünftig erheblichen Wert schaffen können.

Warum haben Sie sich für Incyte entschieden? Was macht Incyte als Partner so attraktiv?

J.P.K - Der gesamte Prozess und die Verhandlungen, die wir geführt haben, waren sehr kompetitiv. Wir haben Incyte sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus kulturellen Gründen ausgewählt. Sie sind uns sehr ähnlich – absolutes Engagement und Fokus auf den Wirkstoff. Zwei Biotechnologieunternehmen, die ihre Kräfte bündeln. Incyte ist stark in der Vermarktung und hat große Expertise in den Bereichen Hämatologie und Onkologie. Das gesamte Team war in den Verpartnerungsprozess involviert. Und dabei haben wir Incytes Ansatz, ihre Erreichbarkeit und den Ton in den Gesprächen sehr schätzen gelernt. Natürlich mussten auch die Bedingungen passen und wettbewerbsfähig sein. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir gemeinsam das volle Potenzial von Tafasitamab erschließen können.

Bevor Sie zu MorphoSys kamen, haben Sie viel Erfahrung bei Pharma- und Biotechnologie-Unternehmen gesammelt. Gibt es eine Sache, die Sie in jedem Unternehmen gelernt haben, die Ihnen besonders dabei helfen wird, den Wandel von MorphoSys erfolgreich zu gestalten?

J.P.K - Wenn ich zurückdenke, dann habe ich während meiner beruflichen Laufbahn drei Dinge gelernt, die zum Erfolg von MorphoSys beitragen werden. Die erste Erfahrung habe ich beim Management wegweisender Markteinführungen von Specialty Care Produkten in den USA und auf internationaler Ebene gesammelt. Mehrere dieser Markteinführungen erfolgten im Rahmen von Partnerschaften, in ähnlicher Weise, wie wir es kürzlich mit Incyte geschlossen haben. Ich kenne also die Voraussetzungen, um in Partnerschaften und Joint Ventures erfolgreich zu sein. Es ist eine gewisse Kunst, Probleme frühzeitig zu erahnen und dabei viel Zeit und Mühe zu investieren – ähnlich wie in einer Ehe. Die zweite Erfahrung, die mir helfen wird, ist meine frühere Position als Vorstandsvorsitzender eines Venture Capital finanzierten Biotechnologieunternehmens in den USA, das von Alexion übernommen wurde. Dadurch habe ich wichtige Erfahrungen in der M&A-Unternehmensstrategie gesammelt, die für MorphoSys sicherlich hilfreich sein werden. Nicht zuletzt bin ich zuversichtlich, dass meine Erfahrungen in Vermarktung und Unternehmensführung sowie als Brückenfunktion zwischen den Kulturen auf beiden Seiten des Atlantiks unsere zukünftige Strategie bei MorphoSys ideal ergänzen werden. Die Kenntnis sowohl des US-Marktes als auch der europäischen Anforderungen wird uns helfen, ein globales biopharmazeutisches Unternehmen zu werden.

Wo sehen Sie MorphoSys in der Zukunft nach der Einführung von Tafasitamab?

J.P.K - Wir gehen bewusst einen mutigen Schritt nach dem anderen. Im Moment konzentrieren wir uns auf die Zulassung und erfolgreiche Markteinführung von Tafasitamab. Tafasitamab könnte eine „Pipeline in a Product“ sein, also ein Produkt mit vielen verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten. Wirwollen mit dem Produkt so viel Wert wie möglich schaffen: schnell, gemeinsam mit unserem Partner Incyte und nicht nur in den USA, sondern weltweit.

Neben Tafasitamab haben wir weitere vielversprechende firmeneigene Produktkandidaten in unserer Pipeline, wie zum Beispiel MOR202 im Bereich Autoimmunerkrankungen und MOR107 in der Onkologie. Zudem verfügen wir über eine starke Liquiditätsposition. Wir hoffen, dass wir die klinische Entwicklung dieser Programme bis zu einer möglichen zukünftigen Markteinführung – unterstützt durch unsere US-Vertriebsaktivitäten – erfolgreich starten können.